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Erstellt am 24.6.2021 I Von investify

Wie es zur Vermögensverwaltung für Stiftungen kam

Einzigartig sei die neue digitale Vermögensverwaltung mitsamt Reporting, die die Bank für Sozialwirtschaft (BFS) Stiftungen bietet, finden Carsten Graßhoff und Harald Brock. Wie es zum Projekt und deren Umsetzung kam, erzählen die beiden Projektverantwortlichen von BFS und Investify in ihrem Erfahrungsbericht.

Die Bank für Sozialwirtschaft (BFS) hat gemeinsam mit dem Fintech investify TECH eine digitale Vermögensverwaltung aufgesetzt. Das neue Portal Gemeinwohl-Invest richtet sich gezielt an gemeinnützige Organisationen und Stiftungen, die ihr Vermögen wertorientiert und nachhaltig anlegen möchten.

Spannungsfeld zwischen Werterhalt und Zweckverwirklichung

In den letzten Jahren ist gerade an der Basis des sozialen Lebens und Handelns eine schleichende Entwicklung zu beobachten: Viele Milliarden an Stiftungskapital schlummern noch immer schlecht verzinst oder sogar Negativzinsen ausgesetzt auf Festgeldkonten oder in (Bundes-)Anleihen – oftmals in der falschen Annahme, dass die Gelder dort langfristig gut angelegt sind. Damit ist klar: Diese Gelder werden in absehbarer Zeit keinen gesellschaftlichen Nutzen erzeugen, erst recht nicht, wenn die Inflation weiter steigen sollte. Denn das Erwirtschaften von Erträgen fällt zunehmend schwer.

Somit ist die Herausforderung für Stiftungen und andere gemeinnützige Organisationen bei ihrer Vermögensanlage groß: Einerseits sind sie zum Erhalt ihres Kapitals verpflichtet. Andererseits schreibt ihre Satzung die zweckgebundene Verwendung von Erträgen vor. Hinzu kommt: Komplexe Anlageentscheidungen sind von oftmals ehrenamtlich tätigen Gremien nur schwer im Blick zu behalten.

Genau hier setzt das zweite Problem an – diesmal auf der Seite der meisten Finanzdienstleister: Es wird den (oftmals wenig finanzaffinen) Entscheidungsträgern von gemeinnützigen Organisationen und Stiftungen bisher nicht gerade leicht gemacht, die Gelder zukunfts- und risikoorientiert in attraktive Wertpapiere anzulegen. Zudem fällt es vielen Finanzdienstleistern im Beratungsprozess schwer, auf einfache Weise aufzuzeigen, welche Wirkung die Mittel gesellschaftlich entfalten könnten.

Spezielle Anforderungen an das Asset Management

„Eine smarte digitale Vermögensverwaltung mit speziellem Blick auf gemeinnützige Organisationen hat es bisher nicht gegeben“, erklärt Harald Schmitz, Vorstandsvorsitzender der Bank für Sozialwirtschaft, beim Launch der Investmentplattform im Mai. Als Spezialbank mit einer Bilanzsumme von fast 10 Milliarden Euro richtet die BFS ihren Blick ausschließlich auf institutionelle Kunden aus der Sozial- und Gesundheitswirtschaft. Dazu zählen Organisationen der Altenpflege, Behindertenhilfe, Kinder- und Jugendhilfe, Kliniken, Bildungsträger und sonstige soziale Angebote. Viele Anbieter sind gemeinnützig oder als Stiftung organisiert.

Die besondere Orientierung liegt in der Historie der 1923 gegründeten Bank: Gründungsgesellschafter und bis heute Haupteigentümer der BFS sind die Caritas-Stiftung, die Diakonie, die Arbeiterwohlfahrt, das Deutsche Rote Kreuz, der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland.

Sozialwirtschaftliche Organisationen haben besondere Anforderungen zu erfüllen, wenn es um das Thema Geldanlage geht. Die neue Lösung mit dem Namen Gemeinwohl-Invest berücksichtigt daher wesentliche Anforderungen des Gemeinnützigkeits- und des Stiftungsrechts sowie individuelle satzungsgemäße Vorgaben zur Zweckverwirklichung. Im Mittelpunkt der Anlagestrategie stehen die Dimensionen Werterhalt, Zweckverwirklichung, Richtlinienkonformität und Nachhaltigkeit.

Hohe Ansprüche an die neue Plattform

Am Anfang stand bei der BFS die Frage, welche Bereiche einer Vermögensverwaltung überarbeitet werden müssen, um das Wertpapierangebot in der Stiftungslandschaft zu vereinfachen und attraktiver zu machen. Für die Umsetzung hatte die BFS vier relevante Bereiche identifiziert, die es umzusetzen galt.

Einfache und zielgruppenorientierte Berichte

Alle Dokumente sollten neu und aus der Perspektive der Funktionäre und Anspruchsgruppen einer Stiftung oder anderen gemeinnützigen Organisation gedacht werden. Das bedeutet beispielsweise, dass Berichte so gestaltet werden sollten, dass auch die im gemeinnützigen Sektor oft ehrenamtlich besetzten Entscheidungs- und Kontrollgremien die Inhalte auf den ersten Blick und mit wenig Zeitaufwand verstehen können. Zusätzlich zu den Mifid-relevanten Quartalsberichten sollte ein auf die wichtigsten Angaben reduzierter Jahresbericht aufgesetzt werden, der die vier bedeutenden Kriterien einer Stiftung übersichtlich und leicht verständlich adressiert:

  • Mittel für die heutige und zukünftige Zweckverwirklichung
  • Wertentwicklung der Geldanlage
  • Konformität der Geldanlage mit den Richtlinien der Stiftung
  • Nachhaltigkeit der Geldanlage

Die Nachhaltigkeitsperformance des Portfolios lässt sich sowohl anhand von Ausschlusskriterien als auch durch die positive Wirkung im Hinblick auf das Erreichen der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDG), einen ESG-Score sowie Beiträge zu den Pariser Klimazielen ablesen. Ein Dashboard sorgt jederzeit für Transparenz im Hinblick auf Anlagestrategie, Ausschüttungsprognosen, Anlagehistorie und Renditebandbreiten.

So einfach wie die Berichte sollte auch die Beratertätigkeit gestaltet werden. Durch Szenarien zum realen und nominalen Kapitalerhalt, durch Risikosimulationen und Cashflow-Vorhersagen, aber auch mithilfe anderer Tools soll der Nutzen einer nachhaltig gestalteten Anlage in Wertpapiere umfassend und zugleich einfach verdeutlicht werden können. Zudem soll durch sinnvolle Digitalisierung der sonst übliche Papierkrieg ein Ende finden.

Stiftungsorientierte Portfoliogestaltung

Entgegen der gelebten Praxis zahlreicher Stiftungsfonds basiert Gemeinwohl-Invest auf einem zweidimensionalen Risikoprofil. Da Stiftungen bei der Geldanlage nur genau so viel Risiko eingehen dürfen, wie für den (inflationsbereinigten) Werterhalt notwendig ist, ergibt sich für den Stiftungsstock eine konservative Anlagestrategie mit einem geringen Aktienanteil (erste Dimension). Um sich langfristig robuster aufstellen zu können, haben Stiftungen jedoch die Möglichkeit, freie Rücklagen zu bilden, für die keine gesetzliche Werterhaltungspflicht besteht.

In einem Rücklagentopf (zweite Dimension) kann somit ein deutlich höherer Aktienanteil gewählt werden. Langfristig lässt sich über das zweidimensionale Anlageprofil – konservative Allokation im Stiftungsstock und chancenorientierte Allokation im Rücklagentopf – eine signifikante Wertsteigerung abbilden. Mit dieser Portfoliogestaltung ergibt sich eine deutlich individuellere Allokation für jede einzelne Stiftung als es herkömmliche Lösungen abbilden können.

Losgrößen minimieren

Der BFS war zudem wichtig, ein Angebot zu schaffen, das auch kleine und mittelgroße Stiftungen nutzen können. Die Einstiegshürde sollte auf 100.000 Euro gesenkt werden, wobei das Geschäft dennoch rentabel für alle Beteiligten sein sollte. Das Angebot sollte sich auch für Treuhand- und Einzelstiftungen anwenden lassen. Nach oben sind dennoch keine Grenzen gesetzt. Für größere Volumina bestehen im Asset Management der BFS selbstverständlich weitere individuelle Lösungen.

Auf das Backoffice kann vollständig verzichtet werden

Ein wesentliches Ziel der Plattform ist es, nicht nur in der Kundenzentrierung, sondern auch bei der effizienten Abwicklung von Stiftungsmandaten neue Maßstäbe zu setzen. Die neue Vermögensverwaltung sollte im Backoffice möglichst wenig Aufwand generieren. Die Nutzer sollen sich vollständig um das Asset Management kümmern können.

Dem Projektteam bei der BFS war von Anfang an klar, dass diese Ziele nur erreicht werden können, wenn ein Höchstmaß an Digitalisierung im Front- und Backend erfolgt, die sukzessiver weiter ausgebaut wird. Zudem müssen alle belastenden regulatorischen Aufgaben der Vermögensverwaltung ausgelagert werden, um die beabsichtigte Konzentration zu ermöglichen.

Also sollte ein erfahrener Partner gefunden werden. Die Auswahl fiel auf Investify Tech, da das Fintech neben seinen erprobten technischen und regulatorischen Fähigkeiten hohe Innovationskraft und Flexibilität in das Projekt einbringt.

Chance durch Kooperation

Da bereits zahlreiche andere Projekte auf Basis der Investify-Technologie umgesetzt worden sind, konnten wir Zeitaufwand, Kosten und Projektrisiken bei der Entwicklung von Gemeinwohl-Invest deutlich minimieren. Zwischen den Unterschriften der Partner unter dem Vertrag und dem Start der digitalen Vermögensverwaltung lagen lediglich sechs Monate Projektlaufzeit. Die interne Umsetzungszeit bei Investify Tech betrug nur drei Monate.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass sich der Dienstleister dauerhaft um die technologischen und regulatorischen Updates der Plattform kümmert, ohne dass hierfür zusätzliche Kosten anfallen. Ändert sich etwa die Mifid, setzt Investify Tech dies zentral um. Zusätzlich wird die Plattform kontinuierlich technologisch aktualisiert und funktional ausgebaut.

Die BFS wie auch Investify Tech sind davon überzeugt, dass die gemeinsame Anlagelösung einen nachhaltigen gesellschaftlichen und unternehmerischen Nutzen erzeugen kann.

Über die Autoren:
Carsten Graßhoff arbeitet seit September 2013 für die Bank für Sozialwirtschaft. Hier leitet er die institutionelle Wertpapierberatung. Zuvor war er Firmenkundenberater bei der Volksbank Jerichower Land.

Harald Brock ist einer von vier Geschäftsführern des Technologie- und Regulatorik-Dienstleisters Investify Tech. Er war zuvor am Gründerzentrum und in der Sparkassen-Finanzgruppe in diversen Führungspositionen tätig. Brock ist zudem Aufsichtsratsmitglied bei Cowork und Herausgeber diverser Veröffentlichungen zu den Themen Multi- und Omni-Channel-Management und Digitalisierung.

Der Artikel ist zuerst im Private Banking Magazin erschienen unter https://www.private-banking-magazin.de/wie-es-zur-vermoegensverwaltung-nur-fuer-stiftungen-kam/