Dr. Stötzels Kolumne #7: Das Comeback der „Kleinanleger“

Erstellt am: 5. Oktober 2020 | Von: Dr. Martin Stötzel


Waren sie der Ursprung des Ganzen oder doch eher eine Begleiterscheinung? Die Rede ist von den Kleinanlegern, Privatanlegern oder neudeutsch Nutzern von Smartphone-Brokern. Denn offensichtlich sind diese Investoren während der Covid-19-Krise in Massen an die Börsen gestürmt. Die großen Retail-Broker in den USA berichten von einem rund 75 %-igen Anstieg der Börsentransaktionen ihrer Privatkunden seit Januar. Und ihr Marktanteil hat sich im gleichen Zeitraum auf gut 20% mehr als verdoppelt, berichtet Citadel Securities.

Einen großen Anteil am sprunghaften Anstieg der Orders von privaten Anlegern haben die Smartphone-Broker. Auf Neueinsteiger fokussierte Broker wie Robinhood und Etoro in den USA oder Trade Republic in Deutschland kamen mit der Flut an Neuanmeldungen kaum zurecht und alteingesessene Online-Broker wie Flatex oder comdirect verzeichneten absolute Rekorde bei den Transaktionen. Robinhood vermeldete von Januar bis Mai drei Millionen neue Accounts. Bei Etoro hat sich die Zahl der Nutzer in dieser Zeit vervierfacht. Die Plattformen locken mit Benutzerfreundlichkeit und Gebühren nahe dem Nullpunkt. Die Gruppe der privaten Investoren ist seit dem Tiefpunkt der Märkte im März netto stets Käufer von Aktien gewesen und hat somit von dem spektakulären Anstieg besonders profitiert.

Doch nicht nur das. In den Werten, die während der letzten sechs Monate die höchsten Kursanstiege verzeichneten, waren die privaten Anleger besonders stark investiert. Als Anfang September bekannt wurde, dass die japanische Softbank-Gruppe wochenlang mit stark aggressiv, spekulativen Optionen die Kurse der Technologie-Aushängeschilder nach oben zog, wurde ebenfalls deutlich, wie groß der Einfluss der Gruppe der privaten Anleger in dieser Marktbewegung geworden war. Nicht nur, dass Privatanleger ebenfalls in einem vorher nicht bekannten Umfang über Optionen und andere Derivate auf weiter steigende Kurse bei Facebook, Apple oder Tesla zockten. Die Anhängerschaft einer Strategie, die jeweils auf die Aktien mit dem größten positiven Momentum setzte, hatte in der Aufwärtsphase ebenfalls extreme Werte angenommen. Als dann Ende August die Ankündigung eines Aktiensplits bei Apple und Tesla zu Kurssteigerungen von rund 20% bei den beiden Werten führte, sahen Kritiker sich in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Denn man kam kaum vorbei an den bekannten Börsensprüchen, die sich mit der Rolle der unbedarften „Kleinanleger“ am Ende einer Hausse beschäftigen. Und sicherlich unterschätzen eine Reihe der selbsternannten Day-Trader aufgrund der außergewöhnlichen Aktienrallye der vergangenen Monate das Verlustrisiko.

Wird deshalb die Kleinanlegerhausse in Tränen enden, wie es ein bekannter Hedgefondsmanager kürzlich formulierte? Möglich wäre das. Doch die Erfahrung zeigt, dass Experten kaum besser darin sind, das Ende einer Aufwärtsbewegung zu prognostizieren, als Kleinanleger. Zur Erinnerung: Am 18. November 1996 platzierte die Deutsche Telekom ihre erste Aktientranche. Der Hype um die größte Aktienemission aller Zeiten war enorm. Der DAX war seit Jahresanfang bereits um 21% gestiegen. Ebenfalls ein außergewöhnliches Ergebnis. Am 5. Dezember 1996 äußerte der damalige FED-Chairman Alan Greenspan seine berühmten Worte über die „irrational exuberance“ an den Märkten, woraufhin die Börsen kurzfristig einknickten. Doch danach liefen die Aktienkurse noch weitere drei Jahre unter zunehmender Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten aufwärts. Erst zum Zeitpunkt der dritten Tranche der Telekomaktie im Juni 2000 hatten die Märkte ihren Zenit überschritten. In diesem Zeitraum hatte der DAX sich allerdings gegenüber November 1996 mehr als verdreifacht.

Zum Autor

Dr. Martin Stötzel ist Gründer und Managing Partner bei Rhein Asset Management S.A. und Verwaltungsrat bei investify. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und anschließender Promotion ist er seit 1994 als Anlageberater und Vermögensverwalter tätig und unterstützt seine Mandaten bei der individuellen Vermögensplanung.
In seinen monatlichen Kolumnen beleuchtet er aktuelle Themen, die Märkte und Anleger bewegen.

Bitte beachten Sie, dass die Kolumne die persönliche Meinung des Autoren, nicht aber unbedingt die Meinung von investify widerspiegelt.