Dr. Stötzels Kolumne #1: Durchatmen in der Corona-Krise

Erstellt am: 3. April 2020 | Von: Dr. Martin Stötzel


Die letzten Tage bestätigen das Gefühl, dass an den Finanzmärkten in Sachen Corona-Virus sich die Hektik etwas gelegt hat und die Anleger weltweit einmal durchatmen.

Nach einem der heftigsten Kursrückschläge der Börsengeschichte zwischen dem 19. Februar und dem 18. März, der beim deutschen Marktindex DAX mit rund 40% zu Buche schlug, folgte eine deutliche Gegenbewegung über 14 Tage. Nun sieht es so aus, als ob der Markt damit für den Moment die beiden Extreme ausgelotet hat und die Marktteilnehmer ihre verschiedenen Szenarien für die nähere und weitere Zukunft in ihre Bewertungen eingearbeitet haben. Das Ergebnis zeigt sich in den vergangenen Handelstagen. Trotz außergewöhnlicher Schwankungen innerhalb eines Handelstages ist eine gewisse Beruhigung eingetreten, die alle Märkte umfasst. Denn abseits der Aktienmärkte gab es in den vergangenen Wochen auch ungewöhnliche Entwicklungen an den Devisen – und vor allem an den Anleihemärkten. Dort brachen die Kurse von Unternehmensanleihen durch die Bank ein. Nicht nur die Notierungen von „Junk Bonds“, nein auch die Kurse von Schuldnern, die ihre Papiere noch vor kurzem zu Null-Zinsen platzieren konnten.

Zur Beruhigung beigetragen haben die einmaligen Entscheidungen, die Notenbanken und Regierungen in Angesicht der drohenden Entwicklung trafen: Zinssenkungen in den USA. Gigantische und zum Teil unlimitierte Ankaufprogramme von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren durch die Notenbanken rund um den Globus, um die Liquidität jederzeit zu sichern. Und geradezu irrwitzig anmutende Ausgabenpakete zur Stützung der Wirtschaft. Zusammen haben sie an den Finanzmärkten die anfängliche Kopflosigkeit zurückgedrängt und wieder für eine gewisse Ordnung gesorgt. Eine Ordnung, die durchaus labil ist. Denn die Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung ist ja beileibe nicht verschwunden. Und dass trotz Stützungsprogrammen, die sich allein im Euroraum auf sagenhafte 1.750 Milliarden Euro belaufen. Dazu kommen mehr als 2.000 Milliarden in den USA und nochmals etwa 500 Milliarden in Japan. Und dennoch könnten selbst 2 Billionen US-Dollar, wie jüngst von Donald Trump angekündigt, bei einem zweistelligen Einbruch in der jährlichen Wirtschaftsleistung der USA, die bei über 20 Billionen US-Dollar liegt, zu wenig sein. Hinzu kommt die Unsicherheit darüber, wie das marode Gesundheitssystem der USA mit der Pandemie fertig werden soll, falls die Infiziertenzahlen auch nur die moderaten Schätzungen erreichen sollten. Andererseits gibt die Entwicklung in China Hoffnung. Nicht nur, dass die Corona-Erkrankungen sich auf einem niedrigen Niveau einpendeln; sowohl die Indizes zur Konjunkturentwicklung, wie auch die Berichte über wiedereröffnete Läden und Produktionsstätten stimmen hoffnungsvoll.

Eine Prognose in diesem Umfeld abzugeben, ist naturgemäß mit gravierenden Unsicherheiten behaftet. Etwaigen Katastrophenszenarien eine Absage erteilend, kann man feststellen, dass das aktuelle Bewertungsniveau der deutschen Aktien im DAX auf einem interessanten Niveau angekommen ist und bereits eine mittelschwere Rezession einpreist. Die Abwärtsrisiken sind da schon überschaubar. Das sieht beim US-Aktienmarkt wegen der notorisch höheren Bewertung noch etwas gefährlicher aus. Andererseits sind die Geschäftsmodelle einer Reihe von US-Unternehmen deutlich weniger konjunkturanfällig und auch ein Großteil der in Zukunft sicher stark gefragten Biotech-Unternehmen sitzen in den USA.

Nun heißt es, nicht nur als Anleger, positiv denken und darauf setzen, dass sich die Welt auch nach Covid-19 noch drehen wird. Dann dürften sich in den nächsten Wochen und Monaten interessante Einstiegsmöglichkeiten für strategische Investoren bieten.

Zum Autor

Dr. Martin Stötzel ist Gründer und Managing Partner bei Rhein Asset Management S.A. und Verwaltungsrat bei investify. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und anschließender Promotion ist er seit 1994 als Anlageberater und Vermögensverwalter tätig und unterstützt seine Mandaten bei der individuellen Vermögensplanung.
In seinen monatlichen Kolumnen beleuchtet er aktuelle Themen, die Märkte und Anleger bewegen.

Bitte beachten Sie, dass die Kolumne die persönliche Meinung des Autoren, nicht aber unbedingt die Meinung von investify widerspiegelt.