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Dr. Stötzels Kolumne #11: Hedgefonds: Falsches Feindbild

Erstellt am: 18. Februar 2021 | Von: Dr. Martin Stötzel


Nein, das aktuell in den Medien mit Inbrunst wiedergegebene Narrativ der guten Robinhood – Gemeinschaft gegen den bösen Hedgefonds stimmt vorne und hinten nicht. Und nein, Hedgefonds spekulieren nicht in erster Linie auf fallende Kurse von einzelnen Aktien. Ihre Strategien sind sehr vielfältig und häufig komplex. Das macht es für die Öffentlichkeit und die Presse nicht einfach. Deswegen ist es dann wiederum nicht überraschend, wenn eine Reihe von Publikationen sich auf den kleinsten, gemeinsamen Nenner verständigt. Eine reißerische Überschrift, auch wenn damit nur ein sehr kleiner Teil der Realität abgedeckt wird. Zum Beispiel, dass von den rund 15.000 Hedgefonds, die weltweit mehr als 4.000 Milliarden US-Dollar verwalten nur ein sehr kleiner Teil im Bereich des Shortselling von Aktien tätig ist. Eine große Anzahl der Manager tummeln sich im Bereich von Zinsen und Währungen und versuchen dort Risiken und Chancen für sich auszunutzen. Der Einsatz von Fremdkapital, um die Rendite auf das eingesetzte Kapital zu erhöhen, ist ebenfalls vielen Strategien gemein. Das erhöhte Risiko der Fonds wird durch mathematisch ausgeklügelte Mechanismen gesteuert. Kein Wunder, wenn es um das eigene Geld geht. Denn in vielen Fällen besitzen die Manager erhebliche Beteiligungen an den Gesellschaften oder setzen eigene Mittel ein.

Die einhundert größten Hedgefonds verwalten aktuell rund 1.200 Mrd. US-Dollar. Der beim GameStop-Run besonders betroffene Hedgefunds Melvin Capital wurde erst 2014 gegründet und findet sich mit rund 8 Milliarden US-Dollar Fondsvolumen nicht unter den 100 größten Hedgefonds.

Über die Sinnhaftigkeit des Shortselling kann man durchaus diskutieren. Doch zeigen einige der spektakulären Fälle in der jüngeren Börsengeschichte, dass eine Gruppe von Marktteilnehmern, die Gewinne dadurch erzielt, dass sie Betrug und Manipulation auf die Schliche kommt, als Regulativ an den Finanzmärkten ihre Berechtigung hat. Wirecard, Valeant, Enron oder Worldcom sind da nur die Spitze des Eisberges. Der Softwareentwickler Lernout & Hauspie, NovaStar, Countrywide Financial und viele andere sind bereits in Vergessenheit geraten. Und auch dies sind eher die großen Fälle, die von Shortsellern aufgespürt wurden. Viel häufiger handelt es sich einfach um schlecht geführte Aktiengesellschaften, die dem breiten Anlegerpublikum nicht bekannt sind und in denen das Management die Investoren versucht in die Irre zu führen.

Mindestens ebenso interessant ist jedoch die Beschäftigung mit dem Erfolg des Geschäftsmodells von Robinhood. Das 2013 gegründete Unternehmen stieg mitten in einer Pandemie von historischem Ausmaß innerhalb von wenigen Monaten zu einem der wichtigsten Broker in den USA auf und versammelt aktuell mehr als 13 Millionen Nutzer auf seiner Plattform. Das durchschlagende Argument für den Erfolg des Geschäftsmodells liegt in der kostenlosen Abwicklung der Wertpapieraufträge. Aber: „If you are not paying for it, you’re not the customer; you’re the product…“, so lautet die alte Binsenweisheit. Die Kunden, welche Gratisdienste im Internet nutzen, verkaufen demnach ihre Daten im Tausch gegen kostenlose Dienste. Und so ist es auch bei Robinhood. Die Nutzer der Plattform sind nicht Kunden des Unternehmens. Denn Robinhood verkauft die Daten der Nutzer an sogenannte Marktmacher wie Citadel, der wiederum Robinhoods größter Kunde ist. Citadel reicht die Nutzerorder an Handelsplätze und andere Broker weiter und bekommt dafür eine Provision. Und hier geht es beileibe nicht um „Peanuts“. Im vergangenen Jahr zahlten die Market Maker an der Wall Street mehr als 3 Milliarden US-Dollar an Retailbanken und Plattformen, um die Wertpapierorders der Kunden ausführen zu dürfen.

Diese Praxis des „payment for order flow“ hat nun Politik und die Aufsicht auf den Plan gerufen. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC stellte im Dezember letzten Jahres fest, dass Robinhood seine Kunden über die Hintergründe der Handelspraxis nicht ausreichend aufgeklärt hatte. Ebenfalls ermittelte die Behörde mangelnde Transparenz in Bezug auf die Ausführungspreise. Robinhood zahlte daraufhin 65 Millionen US-Dollar, um die Anschuldigungen beizulegen. Die Aufklärungsarbeit im Fall des GameStop-Shortsqueeze hat somit gerade erst begonnen.

Zum Autor

Dr. Martin Stötzel ist Gründer und Managing Partner bei Rhein Asset Management S.A. und Verwaltungsrat bei investify. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und anschließender Promotion ist er seit 1994 als Anlageberater und Vermögensverwalter tätig und unterstützt seine Mandaten bei der individuellen Vermögensplanung.
In seinen monatlichen Kolumnen beleuchtet er aktuelle Themen, die Märkte und Anleger bewegen.

Bitte beachten Sie, dass die Kolumne die persönliche Meinung des Autoren, nicht aber unbedingt die Meinung von investify widerspiegelt.

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