• Mehrfacher Testsieger

Dr. Stötzels Kolumne #13: Archegos = Gamestop 2.0

Erstellt am: 29. April 2021 | Von: Dr. Martin Stötzel


Erneute Turbulenzen an den Börsen rund um einen Hedgefonds

Jedem sein Gamestop-Debakel! So könnte man die jüngsten Turbulenzen rund um Archegos Capital Markets zusammenfassen. Waren die Leidtragenden beim Gamestop Beben in erster Linie Hedgefonds, so breiten sich die Wellen beim aktuellen Fall rund um die Investmentfirma Archegos deutlich weiter aus.

Archegos diente dem Inhaber und Fondsmanager Billy Hwang als Family Office, das die Vermögenswerte des Milliardärs verwaltete. Die Konstruktion war bewusst gewählt, bestehen doch für Firmen, die nur eigene Gelder verwalten, deutlich geringere Regulierungen und Transparenzvorschriften, als für solche, die Kundengelder managen.

Hwang`s Biographie als „schillernd“ zu bezeichnen, wäre noch untertrieben. Er gehörte zu einer Gruppe von jungen Händlern, die in den 80`er Jahren unter der Legende Julian Robertson in die Geheimnisse des Hedgefonds-Geschäfts eingeweiht wurden. Sein Ziehvater unterstützte auch die Gründung von Tiger Asia Management, die erste Investmentfirma von Hwang, die in den Folgejahren bis zu 5 Milliarden US-Dollar verwaltete. 2008 musste Hwang heftige Verluste im Zusammenhang mit dem Short-Squeeze bei VW einstecken. Im Jahr 2012 verurteilte ihn die US-Börsenaufsicht wegen Insiderhandles in chinesischen Bankaktien zu einer Geldstrafe von 44 Millionen Dollar. Eine weitere Strafe wegen Insiderhandels der Hongkonger Börsenaufsicht im Jahre 2014 beendete fast die hochfliegenden Träume des selbsternannten Börsengurus.

Nun steht Hwang im Zentrum des größten Margin Calls aller Zeiten. Nach bisherigen Erkenntnissen baute er in den vergangenen Wochen milliardenschwere Wetten auf eine kleine Anzahl von Aktien auf, deren Hintergrund noch völlig unklar ist. Sicher ist, dass sich die größte Wette auf das US-Medienunternehmen ViacomCBS bezog. Der Marktwert des Konglomerats, welches Marken wie DreamWorks und Paramount Pictures besitzt, hatte sich in den vergangenen drei Monaten wie durch Zauberhand annähernd verdreifacht. Doch am vergangenen Dienstag brach das Kartenhaus zusammen. ViacomCBS kündigte die Ausgabe neuer Aktien in Milliardenhöhe an und mehrere Analysten senkten die Aussichten und Kursziele für das Unternehmen. Innerhalb von drei Handelstagen stürzte die Aktie um 50 % in die Tiefe.

Dies löste bei den Banken, die die Finanzkonstrukte von Archegos finanziert hatten, die berüchtigten Margin Calls aus, also die Stellung von Sicherheiten durch den Kreditnehmer. Als diese ausblieben, verkauften die Investmentbanken Aktien von ViacomCBS, aber auch Tencent Music, Discovery und Baidu, um ihr Risiko zu begrenzen. Das gelang jedoch nicht allen. Die japanische Investmentbank Nomura und die Schweizer CS hatten am Ende das brennende Streichholz in der Hand. Beide mussten Verluste in der Größenordnung von 2 Milliarden US-Dollar einstecken. Die Aktienkurse sackten zwischen 15 und 20% durch, wodurch die Marktkapitalisierung beider Titel rund 10 Milliarden Dollar verlor.

Die Fragen, die Investoren weltweit jetzt beschäftigen, sind offensichtlich. War es das? Und. Wie konnte es dazu kommen? Noch wagt keiner eine Prognose. Zwar stabilisierten sich die Kurse aller Beteiligten Unternehmen in dieser Woche. Doch der Schock über das Ausmaß der kreditfinanzierten Wetten durch eine Einzelperson steckt den Bankern noch in den Knochen. Viele fragen sich nun, in welchem Umfang weitere spekulative Positionen ohne Risikomanagement in den Büchern von Banken stecken, die jederzeit ähnliche Beben nach sich ziehen können. Und inwieweit fördert die langjährige Niedrigzinsphase den Anreiz von Investoren nach Renditen, ohne dass die Risiken adäquat bewertet werden. Fragen, die den beteiligten Banken sicherlich ebenfalls nicht erspart bleiben.

Zum Autor

Dr. Martin Stötzel ist Gründer und Managing Partner bei Rhein Asset Management S.A. und Verwaltungsrat bei investify. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und anschließender Promotion ist er seit 1994 als Anlageberater und Vermögensverwalter tätig und unterstützt seine Mandaten bei der individuellen Vermögensplanung.
In seinen monatlichen Kolumnen beleuchtet er aktuelle Themen, die Märkte und Anleger bewegen.

Bitte beachten Sie, dass die Kolumne die persönliche Meinung des Autoren, nicht aber unbedingt die Meinung von investify widerspiegelt.

Der Journal-Artikel hat Ihnen gefallen? Jetzt teilen!

brief

Bleiben Sie mit dem investify-Newsletter immer auf dem Laufenden

Newsletter abonnieren