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Dr. Stötzels Kolumne #14: Die Inflation im Faktencheck

Erstellt am: 2. Juni 2021 | Von: Dr. Martin Stötzel


Haben die Notenbanken die Kontrolle über die Inflation bereits verloren? An den Märkten scheint diese These immer mehr Anhänger zu finden. Und die letzten Zahlen zur Preisentwicklung in den USA schienen auf den ersten Blick eindeutig. 4,2 % Preisanstieg gegenüber dem Vorjahr und 3% Preisanstieg in der vielbeachteten Kernrate. Das war nicht nur erheblich mehr, als von den Analysten und den Marktteilnehmern erwartet worden war, sondern auch der größte Anstieg seit September 2008.

Muss die Rückkehr der Inflation damit als gegeben angesehen werden, oder lohnt sich ein Faktencheck, weil es auf den zweiten Blick vielleicht doch nicht so eindeutig ist? Zunächst einmal zu den Daten selbst: Die US-Notenbank räumte im Anschluss an die Veröffentlichung ein, dass bereits die Erhebung der Daten aufgrund der Pandemie immer noch mit ganz beträchtlichen Unsicherheiten verbunden sei. Schon in der Vorwoche hatten die Anleger einen Vorgeschmack auf die aktuellen Schätzfehler bekommen, als die durchschnittlichen Erwartungen zur Entwicklung am US-Arbeitsmarkt aber mal so richtig daneben lagen. Statt erwarteten 1 Mio. entstanden nur 266.000 neue Stellen. Fazit: Erst einmal die Korrektur der Daten abwarten, bevor vorschnelle Schlüsse gezogen werden. Vorschnelle Schlüsse könnten auch diejenigen ziehen, die Basiseffekte nicht ausreichend einkalkulieren. Denn vor genau 12 Monaten erreichte die Covid-19 Pandemie ihre höchste Dynamik, was die Auswirkung auf die weltweite Wirtschaft betraf. Der Vergleich mit dem Preisniveau vor einem Jahr ist also massiv verzerrt. Nächster Punkt: Mit Abstand der größte Preistreiber im April waren die Gebrauchtwagen. Warum? Da die Hersteller aufgrund des Chipmangels mit der Produktion nicht nachkommen, greifen die Käufer verstärkt auf Gebrauchtwagen zurück, deren Preise nach oben schnellten. Nun ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich hierbei um einen temporären Effekt handelt, recht hoch. Doch die Knappheit wichtiger Güter in der weltweiten Produktionskette ist offensichtlich. Chips, Containerschiffe oder Rohstoffe. Die Preise sind in den vergangenen Wochen massiv angesprungen. Kupfer, Eisenerz oder Bauholz...seit Anfang dieses Jahres hat die Erholung - nach dem Absturz durch den Ausbruch der Corona-Pandemie - die Preise der Rohstoffe auf neue historische Höchstkurse getrieben.

Offensichtlich schäumt die weltweite Nachfrage nach Industrierohstoffen zurzeit. In Anbetracht der zuletzt veröffentlichten Wachstumsraten der US-Wirtschaft sowie von China scheint der Fall klar. Die US-Wirtschaft wuchs gegenüber der Vorjahresquartal um 6,4%, die chinesische Wirtschaft sogar um sagenhafte 18,3%. Diese außergewöhnlichen Zahlen weisen aber ebenfalls auf die Covid-bedingte Vergleichszahl hin. Also auch hier Vorsicht bei der Interpretation dieser Daten. Andererseits sitzen die US-Verbraucher auf Billionen von US-Dollar, die ihnen durch die verschiedenen Hilfsprogramme zugeflossen sind und es werden noch einige Billionen mehr werden.

Vom US-Konsum werden in den kommenden Monaten durchaus starke Wachstumsimpulse ausgehen und die Frage, die Ökonomen bei den Investmentbanken umtreibt, ist, in welchem Umfang die Unternehmen ihre gestiegenen Produktionskosten in einem solchen Szenario weitergeben können. Sinkende Preissensibilität der Konsumenten gepaart mit optimistischen Unternehmen wäre sicherlich eine ernst zu nehmende Gefahr für das Preisniveau und die Zinserwartungen.

Bleibt die Frage, wo die „gute“ Inflation aufhört und die „schlechte“ Inflation beginnt? Die Äußerungen der FED lassen in diesem Punkt auf eine gewisse Asymmetrie schließen. Ein Überschießen der Inflationsrate wäre sicherlich akzeptabler, als die Gefahr eines Abwürgens der Konjunktur mit entsprechend negativen Folgen für den Arbeitsmarkt hinzunehmen. Auch deswegen scheinen die Notenbanker zur Zeit die These des temporären Preisanstiegs zu präferieren und sich in Beschwichtigung der Märkte zu üben. Märkte, auf denen unterschiedliche Interessenlagen aufeinandertreffen.

Der bekannte Hedgefondsmanager Stanley Druckenmiller steht dabei sinnbildlich für eine Reihe von Investoren, die bereits jetzt ein inflatorisches Inferno herbeireden. Die Vermutung liegt nahe, dass der eigene Hedgefonds entsprechend positioniert ist und die mediale Aufmerksamkeit den eigenen Positionen helfen soll. Doch aufgrund der großen Fülle an Faktoren, deren Richtung keineswegs sicher ist, scheint die Festlegung auf ein extremes Ereignis verfrüht. Nur eins ist wirklich sicher: Die Inflation wird den Marktteilnehmer in den kommenden Wochen und Monaten noch eine Menge Gesprächsstoff bieten!

Zum Autor

Dr. Martin Stötzel ist Gründer und Managing Partner bei Rhein Asset Management S.A. und Verwaltungsrat bei investify. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und anschließender Promotion ist er seit 1994 als Anlageberater und Vermögensverwalter tätig und unterstützt seine Mandaten bei der individuellen Vermögensplanung.
In seinen monatlichen Kolumnen beleuchtet er aktuelle Themen, die Märkte und Anleger bewegen.

Bitte beachten Sie, dass die Kolumne die persönliche Meinung des Autoren, nicht aber unbedingt die Meinung von investify widerspiegelt.

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