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Dr. Stötzels Kolumne #17: Verwirrung um den Reflation Trade

Erstellt am: 13. August 2021 | Von: Dr. Martin Stötzel


Zu Beginn des 2. Halbjahres schien die Sache sonnenklar. Die Renditen der langlaufenden Staatsanleihen befanden sich auf Kletterkurs, die Zahlen zum Wirtschaftswachstum in den USA wurden nach oben korrigiert, der Arbeitsmarkt erholte sich schneller als erwartet. Alle Voraussetzungen waren gegeben, um mit dem „Reflation-Trade“ Geld zu verdienen. Und die großen Player am Markt erwarteten bei den Short-Positionen in US-Treasuries die größten Gewinne. Denn Zinssteigerungen waren bei vielen Hedgefonds Managern das favorisierte Szenario. Und in der Tat stiegen die Rohstoffpreise, die bereits im ersten Quartal des Jahres ordentlich zugelegt hatten, auch in den folgenden Wochen weiter an. Ob Öl, Kupfer oder Sojabohnen, die Preise kannten nur eine Richtung.

Allein die Rendite der meistgehandelten zehnjährigen US-Staatsanleihe wollte nicht das machen, was so viele erwarteten. Über ihren Wert von Mitte März bei rund 1,75 Prozent ging es nicht mehr hinaus. Im Gegenteil: Zwischen Anfang Mai und Anfang August fiel die Rendite um einen halben Prozentpunkt, was in dem niedrigen Bereich, in dem sich die Zinsen zurzeit bewegen, ein ganz erheblicher Rutsch war. Selbst ein kräftiger Aufschlag bei den Inflationserwartungen, ein Trommelwirbel von Äußerungen wichtiger, stimmberechtigter FED-Mitglieder in Richtung Rückführung der Anleihekäufe und aktuelle Inflationsraten von über 5 Prozent führten bei den Treasuries nicht zu Aufregung. Ein erstaunlicher Vorgang, der für eine Reihe von prominenten Marktteilnehmern zu schmerzhaften Verlusten führte.

Auch die Mitglieder der FED äußerten ihre Verwirrung. FED-Chef Powell und sein Vize Richard Clarida gaben offen zu, keine Erklärung für dieses Phänomen zu haben. Vielleicht waren sich die Marktteilnehmer ihrer Sache einfach zu sicher. Das Phänomen des „Most crowded Trade“ bezieht sich darauf, dass bei bestimmten Konstellationen eine große Mehrheit von Investoren dasselbe tut. In diesem Fall eben, auf steigende Zinsen zu wetten.

Die Veröffentlichung des Protokolls der FED-Sitzung Mitte Mai, in der die Notenbanker erstmals die Reduzierung des Anleihekaufprogramms diskutierten, brachte allerdings entgegen aller Erwartungen die Abwärtsbewegung der Renditen so richtig in Fahrt.

Aus makroökonomischer Sicht scheint die Befürchtung einer volkswirtschaftlichen Abschwächung durch die Unsicherheit über die neue Delta Variante des Corona-Virus eine gewisse Plausibilität für den Zinsrückgang aufzuweisen. Möglichweise hat die wirtschaftliche Dynamik auch bereits ihren Höhepunkt erreicht. Der Begriff von „peak economy“ machte in Analystenkreisen bereits die Runde. Die chinesischen Konjunkturzahlen bleiben seit einiger Zeit hinter den Erwartungen zurück, was diese Argumentation stützt. Eine Analyse der Kundenpositionen bei der Investmentbank JPMorgan förderte zutage, dass spekulative Positionen, die weiterhin auf einen Anstieg der Renditen setzten, deutlich größer sind als im Durchschnitt der Vergangenheit. Das könnte smarte Gegenspieler animieren, den Druck auf die bereits unter Druck stehenden Manager zu verstärken. Denen kam allerdings in der vergangenen Woche der US-Arbeitsmarkt zur Hilfe. Die Arbeitslosenquote sank stärker als erwartet und es wurden mehr Jobs geschaffen, als der Durchschnitt der Analysten geschätzt hatte. Prompt stiegen die Zinsen der US-Staatsanleihen wieder etwas an.

Eins ist nach den starken Bewegungen am US-Anleihemarkt jedenfalls klar. Die FED wird es nicht leicht haben, den Markt auf das „Tapering“ also die Reduzierung der Anleihekäufe einzustimmen. Denn der Grat zwischen Inflationsbefürchtungen auf der einen Seite und Sorgen um ein frühzeitiges Abwürgen des aktuellen Konjunkturaufschwunges ist sehr schmal geworden. 

Zum Autor

Dr. Martin Stötzel ist Gründer und Managing Partner bei Rhein Asset Management S.A. und Verwaltungsrat bei investify. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und anschließender Promotion ist er seit 1994 als Anlageberater und Vermögensverwalter tätig und unterstützt seine Mandaten bei der individuellen Vermögensplanung.
In seinen monatlichen Kolumnen beleuchtet er aktuelle Themen, die Märkte und Anleger bewegen.

Bitte beachten Sie, dass die Kolumne die persönliche Meinung des Autoren, nicht aber unbedingt die Meinung von investify widerspiegelt.

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