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Dr. Stötzels Kolumne #19: Wie es weitergehen könnte...

Erstellt am: 25. Oktober 2021 | Von: Dr. Martin Stötzel


Die Belastungsfaktoren für die Kapitalmärkte sind gewichtig, aber sie sind keine negative Überraschung mehr. Die US-Notenbank hat die Investoren weltweit mit einer feinziselierten Kommunikation auf das sog. „Tapering“ vorbereitet.

Dabei haben die letzten Daten zum amerikanischen Arbeitsmarkt erneut einen Beleg dafür geliefert, wie kompliziert sich die Situation darstellt. Die Zahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze war mit 194.000 rundum enttäuschend und da war es auch völlig nebensächlich, dass die Vormonatszahl gleichzeitig etwas angehoben wurde. Gleichzeitig sank die Arbeitslosenquote deutlich stärker als erwartet.

Was auf den ersten Blick widersprüchlich anmutete, offenbart nur einmal mehr, dass die Datenlage in den USA vorsichtig ausgedrückt, auf dünnem Eis steht. Konkret: Die Zahlen zu den neu geschaffenen Arbeitsplätzen basieren auf einer Befragung der Arbeitgeber, während die Arbeitslosenquote durch eine Umfrage bei den Haushalten ermittelt wird. Das kann dann schon mal zu denkwürdigen Ergebnissen führen.

Wäre die Lage an den Kapitalmärkten nicht so verzwickt, könnten wir einfach zum Tagesgeschäft übergehen. Doch die FED hat ihren geldpolitischen Fahrplan nun einmal an die Entwicklung des Arbeitsmarktes geknüpft. Im Prinzip gibt es daran nichts zu meckern, wären die Daten hinreichend zuverlässig. Solange keine Beweise für das Gegenteil vorliegen, gehen wir davon aus, dass der US-Arbeitsmarkt solide unterwegs ist. Für überschäumende Aktivität gibt es jedoch wenig Anzeichen, so dass wir eine ruhige und besonnene Vorgehensweise des Gremiums rund um Jerome Powell erwarten. 

Besonders schwierig stellt sich der Komplex Energiepreise, Inflation und die Auswirkungen auf die Inflation dar. Wie das Zusammentreffen verschiedener Faktoren zu völlig abstrusen Ergebnissen führen kann, zeigte sich vor 18 Monaten am Rohölmarkt. Der Einbruch der Nachfrage in Kombination mit einer spekulativen Schieflage führte zeitweise zu deutlich negativen Preisen für den jetzt wieder so begehrten Rohstoff. Aktuell beeinflussen fehlende Gasbestände, eine unterdurchschnittlich niedrige Windausbeute und die politischen Querelen zwischen Europa und Russland die Preise am Öl- und Gasmarkt. Und es ist kaum auszumachen, wie sich die Player am Energiemarkt verhalten werden und auch in welchem Umfang bereits jetzt wieder spekulative Teilnehmer im Markt sind. Sollten die Temperaturen in den großen Nachfrageregionen deutlich fallen, wären Panikkäufe und ein weiterer Preisanstieg kurzfristig im Bereich des Möglichen.

Allerdings dürfte ein scharfer Preisanstieg im Energiesektor aufgrund von Wetterkapriolen eher kurzfristiger Natur sein. Und er würde die wirtschaftliche Aktivität dämpfen, was wiederum den Kurs der Notenbanken beeinflussen könnte. Für die Aktienmärkte insgesamt müsste das kein Katastrophenszenario sein. Bereits jetzt haben die explodierenden Energiepreise für heftige Reaktionen gesorgt. Die Kosten bei energieintensiven Unternehmen z.B. im Bereich der Stahlproduktion gehen stramm in die Höhe, Nahrungsmittel werden erheblich teurer und ebenso die Zwischenprodukte bei der Produktion von langlebigen Konsumgütern.

Zusätzlich drückt die CO2-Bepreisung auf die Kosten. Denn der politische Wille schmutzige Energieproduktion zu verteuern, ist ein weiterer Faktor für die enormen Preissteigerungen. Dieses Szenario hätte durchaus das Potential für einen mittel- bis langfristigen Inflationsanstieg. Doch war das nicht genau das Ziel, worauf die Notenbanken seit Jahren hinarbeiten? Wollten FED, EZB und die anderen großen Notenbaken nicht das Gespenst der Deflation verscheuchen, welches in den vergangenen Jahren über den Märkten hing? Schließlich stehen deflatorische Tendenzen ganz oben auf der Negativliste für eine dynamische Wirtschaftsentwicklung. Ein Inflationsanstieg ist also nicht per se schlecht. Es kommt aktuell vielmehr darauf an, dass die negativen Effekte einer Lohn-Preis-Spirale vermieden werden. Das würde geschehen, wenn die gestiegenen Preise bei den Gehaltsverhandlungen in der Breite zu höheren Lohnabschlüssen führen würden. Ob es soweit kommt, hängt wiederum in erster Linie von der Verhandlungsposition der Arbeitnehmer ab. Tendenziell hat sich diese sicher verbessert, denn in weiten Bereichen der Wirtschaft ist der Mangel offensichtlich. Hier lauern dementsprechend Gefahren für Investoren auf der Aktien- wie auf der Rentenseite, die eine stetige Analyse erfordern. 

Seit Monaten dringt die Lieferkettenproblematik ins Bewusstsein der Menschen. Einen ersten Eindruck erhielt die Bevölkerung, als Panikkäufe beim Toilettenpapier im vergangenen Jahr die sonst so reibungslose Verfügbarkeit in Frage stellten. In der Folgezeit traten ähnliche Versorgungsprobleme bei Chips, Holz, Schrauben und anderen Rohstoffen und Produkten auf. Drastische Preissteigerungen verdeutlichen den Mangel und die Probleme in der Lieferkette. Aktuell machen lange Warteschlangen von Containerschiffen vor den kalifornischen Häfen deutlich, dass das weltweite Just-in-time gewaltig aus dem Ruder gelaufen ist.

Kurzfristig wird sich daran nicht viel ändern, auch wenn der US-Präsident mit seiner 24/7 Idee sicherlich einiges in Bewegung gesetzt hat. Mittelfristig sollte sich jedoch der Stress im System wieder reduzieren. Ähnlich wie bei einem Stau auf der Autobahn werden sich die Prozesse wieder normalisieren und zur Funktionsfähigkeit zurückfinden. Was nicht bedeutet, dass alles so wird wie früher. Offensichtlich funktionierte die weltweite Arbeitsteilung in der Vor-Corona-Zeit auf einem optimalen Niveau. Outsourcing-Prozesse wurden bis zum Exzess betrieben, die Fertigungstiefe bei produzierenden Unternehmen war bis auf das absolute Minimum zurückgefahren, in den Niedriglohnländern der Welt lief die Produktion auf Hochtouren. Der Coronaschock sowie die anschließende weltweit völlig asynchron verlaufende Reopening-Phase brachten den fragilen Just-In-Time Prozess völlig aus dem Plan. Und es ist absehbar, dass eine weltweit verzweigte Fertigung, die fast völlig ohne Pufferzeiten und Lagerhaltung auskommen will in Zukunft zum Scheitern verurteilt ist. Die Konsumenten werden sich auf höhere Preise einstellen müssen. Zumindest, wenn die Konsumgewohnheiten sich nicht ändern. Doch das werden sie mit Sicherheit. Und genau hier liegt die Chance dafür, dass auch diese Entwicklung zu einer positiven, wirtschaftlichen Entwicklung führen könnte.

Aufgrund der aktuellen Medienberichterstattung rund um die geopolitische Lage mag es überraschend klingen, doch auf diesem Gebiet scheint das Risiko überschaubar. Weder China noch die USA können in einem Handelskonflikt Vorteile erzielen. Dafür ist die gegenseitige Verflechtung in persönlicher und wirtschaftlicher Hinsicht bereits viel zu weit fortgeschritten. Die chinesische Regierung muss an einer weiter dynamischen Wirtschaftsentwicklung im eigenen Land interessiert sein, da nur so die Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung für den politischen Kurs aufrecht zu erhalten ist. Die USA ist auf den Produktionsstandort China in vielfältiger Weise angewiesen. Wenn schon in der aktuellen Situation die Lieferketten aufs Äußerste gespannt sind, wie würde sich die Situation erst bei einer politischen Eskalation darstellen?

Fazit: Die Risiken für die Finanzmärkte sind real, aber es scheint so, als ob die Akteure in den vergangenen Wochen ein etwas zu schwarzes Bild von der Lage gezeichnet hätten. Einige der Stimmungsindikatoren unterstreichen diese Einschätzung. Insbesondere die Volatilitätsindikatoren sind in den vergangenen Tagen regelrecht implodiert, was darauf hindeuten könnte, dass eine Reihe von sehr skeptischen Investoren ihre Positionen geräumt haben. Sollten sich in den nächsten Tagen und Wochen Aufhellungstendenzen bei den genannten Faktoren zeigen, dürften die Kapitalmärkte mit einer Erleichterungsbewegung darauf reagieren. Der Start in die soeben begonnene Berichtssaison an Wall Street dürfte darüber hinaus zeigen, dass die Unternehmensgewinne in der Breite weiterhin die Erwartungen übertreffen. Und dies vor allem in den bekannten Wachstumssektoren. Vor diesem Hintergrund könnte auch im Jahr 2021 die Statistik wieder einmal ihr erfreuliches Gesicht zeigen. Sowohl der DAX als auch die US-Indizes verzeichneten in der Vergangenheit in den letzten drei Monaten eines Jahres eine überdurchschnittlich hohe Anzahl positiver Ergebnisse. Dazu kam zudem eine überdurchschnittlich hohe Rendite. Trotz aller Unwägbarkeiten stehen die die Chancen für einen ordentlichen Jahresabschluss nicht so schlecht. 

Zum Autor

Dr. Martin Stötzel ist Gründer und Managing Partner bei Rhein Asset Management S.A. und Verwaltungsrat bei investify. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und anschließender Promotion ist er seit 1994 als Anlageberater und Vermögensverwalter tätig und unterstützt seine Mandaten bei der individuellen Vermögensplanung.
In seinen monatlichen Kolumnen beleuchtet er aktuelle Themen, die Märkte und Anleger bewegen.

Bitte beachten Sie, dass die Kolumne die persönliche Meinung des Autoren, nicht aber unbedingt die Meinung von investify widerspiegelt.

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