Dr. Stötzels Kolumne #2: Die Sache mit dem Öl

Erstellt am: 7. Mai 2020 | Von: Dr. Martin Stötzel


10 Prozent Plus im DAX und im Dow Jones, 15 % im Nasdaq, die Zinsen stabil und fast unbewegt, der Goldpreis im Plus, aber ohne Euphorie. Der April 2020 könnte als ganz ordentlicher Börsenmonat in die Geschichte eingehen. Natürlich wird er das nicht. Zum einen folgt er auf einen der dramatischsten Monate der gesamten Börsenhistorie, zum anderen war da die Sache mit dem Ölpreis.

Viele Anleger wissen nun, dass Ölpreise – zumal am Verfalltag eines Futurekontrakts – deutlich ins negative Terrain abtauchen können. Und viele werden sich am 20. April zum ersten Mal damit beschäftigt haben, dass Kontrakte auf Öl nicht über einen Bargeldausgleich beendet werden, wie es bei Finanzterminkontrakten üblich ist, sondern tatsächlich über die physische Lieferung bzw. die effektive Abnahme der verbrieften Menge. Wenn das Ganze dann auch noch im Niemandsland von Oklahoma, in einer Ortschaft namens Cuching vonstatten geht, wo die Speicherkapazität für weitere Ölmengen am Verfalltag nur noch zu außergewöhnlich hohen Preisen verfügbar ist, dann, ja dann kann es schon mal passieren, dass derjenige, der das Streichholz in dem Moment in der Hand hat, wo es anfängt zu schmerzen, rund 40 Dollar dafür bezahlt, dass ihm jemand das Barrel Öl abnimmt, welches er unvorsichtigerweise auf Termin erworben hatte, weil der Preis ja schon so weit gefallen war, dass es eigentlich nur noch aufwärts gehen konnte. Nun war das so weit hergeholt ja nicht.

Der Fall des Ölpreises für die Sorte West Texas Intermediate (WTI) ging in den ersten beiden Monaten ja bereits von rund 60 US-Dollar auf etwa 45 US-Dollar. Doch dann schlug gleichzeitig die Corona-Krise und der Streit zwischen der OPEC und Russland zu. Der Preis für Öl kollabierte und sank in der Woche nach Ostern auf rund 20 US-Dollar. Am 20.04.20, dem Verfalltag des Mai-Futures, rauschte der Future in den letzten Handelsstunden stetig auf die Nulllinie zu und sank dann sogar weit darunter. Die Gründe hierfür sind komplex und haben viel mit den althergebrachten Abrechnungsmodalitäten zu tun, die nach diesem Exzess möglicherweise überarbeitet werden müssen.

Die Folgen für die Finanzmärkte waren in den Tagen danach überschaubar. Es kam nicht zu Nervosität unter den Investoren, die Kurse der Ölaktien stiegen sogar kurze Zeit später wieder und auch die Ölpreise setzten zu einer, wenn auch bescheidenen, Erholung an.

Auf der Suche nach den Verlierern wurden Analysten jedoch überrascht. Chinesische Kleinanleger waren nämlich massiv in dem eher für Profis gedachten Instrument investiert. Und zwar in Kontrakten, die die Bank of China vor zwei Jahren für Kleinanleger konzipiert hatte. Die waren bei den spielwütigen Chinesen auf großes Interesse gestoßen, denn sie hatten das Angebot wohl millionenweise angenommen. So kam es, dass – während der Ölpreis immer weiter absackte – eine in hunderttausende gehende Herde Kleinanleger auf eine Gegenbewegung wettete. Berichte sprechen von fast 4 Milliarden Euro Verlusten, auf denen die chinesischen Anleger nach dem Crash sitzen geblieben sind. Das könnte für die Bank of China noch zu Problemen führen, denn es regt sich heftiger Widerstand bei den Geschädigten. Es traf aber wohl auch die Große. Etwa den Öl-Tycoon Lim Oon Kuin aus Singapur. Das Unternehmen des 71-jährigen Ölhändlers kollabierte unter einer Schuldenlast von umgerechnet vier Milliarden US-Dollar, was wiederum bei der britischen Bank HSBC zu Ausfällen von bis 600 Millionen Dollar führen könnte.

Einmal mehr zeigt sich, dass in der aktuellen Krise noch viele Überraschungen an den Märkten möglich sind.

Zum Autor

Dr. Martin Stötzel ist Gründer und Managing Partner bei Rhein Asset Management S.A. und Verwaltungsrat bei investify. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und anschließender Promotion ist er seit 1994 als Anlageberater und Vermögensverwalter tätig und unterstützt seine Mandaten bei der individuellen Vermögensplanung.
In seinen monatlichen Kolumnen beleuchtet er aktuelle Themen, die Märkte und Anleger bewegen.

Bitte beachten Sie, dass die Kolumne die persönliche Meinung des Autoren, nicht aber unbedingt die Meinung von investify widerspiegelt.