Dr. Stötzels Kolumne #3: Von TINA und FOMO

Erstellt am: 5. Juni 2020 | Von: Dr. Martin Stötzel


Dass Börsianer ein besonderes Faible für blumige Sprachkreationen besitzen, ist hinlänglich bekannt. Da brechen bei Kursverlusten die Unterstützungen, schieben sich Kurse seitwärts oder explodieren Notierungen nach überraschend guten Ergebnissen. Im aktuellen Umfeld machen zwei Akronyme besonders Furore: TINA und FOMO.

TINA steht dabei für „There ist no alternative“. Seitdem die Notenbanken weltweit den sicheren Zins immer weiter Richtung Null oder sogar weit darunter bewegt haben, sind die Alternativen zur Aktienanlage drastisch eingeschränkt worden. Wohl oder übel müssen heute auch Investoren am Aktienmarkt anlegen, die früher sichere Häfen bevorzugt haben. Mit anderen Worten: Derzeit ist das Risiko des Erwerbs von Aktien das kleinere Übel, in Anbetracht der Alternativen am Anleihenmarkt.

Die zweite Kreation bewegt sich im Spannungsfeld von Angst und Gier, nicht erst seit dem Film „Wall Street“ eines der berühmtesten Erklärmuster für Börsenbewegungen. „FOMO“ oder „Fear of missing out“, also jene Angst, die Rally am Markt zu verpassen und dem entgangenen Gewinnen hinterher zu trauern. Hohe Bestände an Cash bei Investmentfonds und das Wissen um massive Spekulation auf fallende Kurse während der Corona-Krise lassen darauf schließen, dass FOMO unter den institutionellen Investoren dieser Tage weit verbreitet ist. Doch nicht nur die professionellen Investoren werden zurzeit an diese Buchstabenkombination denken, wenn sie versuchen, eine Aktienmarktrallye zu verstehen, die angesichts der schauerlichen wirtschaftlichen Rahmendaten kaum nachzuvollziehen ist. Seit den Tiefstständen im März, als die Covid-19 Krise die Märkte fast zur Kernschmelze brachte, stehen bereits wieder Kursgewinne zu Buche, deren Ausmaß alle Erwartungen übersteigt. Warum dies so ist?
Zur Erklärung hilft eine weitere der zahlreichen Börsen-Redewendungen: Never fight the FED! Übersetzt bedeutet dies: Wenn die US-Notenbank expansiv unterwegs ist, sollte man sich tunlichst nicht dagegenstellen. Aktuelle Untersuchungen zu diesem Phänomen haben ergeben, dass die Wertentwicklung der US-Aktienkurse zu über 90% durch die Geldpolitik der US-Notenbank herleitbar ist. Weitet die Bank ihre Bilanz aus, steigen die Kurse und vice versa.

Aber haben die Anleger denn wirklich so viel verpasst? Beim Blick auf die Kurssteigerungen der US-Indizes sieht dies zunächst so aus. Doch oft genug täuscht der erste Blick ja. Und diesmal? Im S&P 500 stehen 1% aller Aktien für 20% des Indexanstieges. Ohne die bekannten großen Tech-Werte sähe die Performance der bekannten Marktbarometer in den USA also erheblich bescheidener aus. Das gilt natürlich besonders für den Nasdaq-Index, bei dem die Konzentration der Anleger auf die Handvoll Favoriten eine Dimension angenommen hat, die zuletzt kurz vor der Dotcomblase erreicht war.

Die große Frage lautet nun: Wie löst sich diese extreme Situation auf? Korrigieren die Highflyer und setzen die zyklischen Titel nun zu einer Kursrally an? Bleiben die Gewinner von gestern auch die Gewinner von morgen? Verlässt die Investoren angesichts der zu erwartenden Gewinneinbrüche bei vielen Aktien irgendwann doch der Mut? Oder gewinnt angesichts der positiven Entwicklung bei der Covid-19-Verbreitung breiter Optimismus die Oberhand?
Dann könnten die Anleger selbst ein im Bezug auf die Gewinne katastrophales Quartal verkraften und Zuversicht aus dem Blick in das Jahr 2021 schöpfen. Eins ist sicher: TINA und FOMO werden alle Beteiligten weiter begleiten.

Zum Autor

Dr. Martin Stötzel ist Gründer und Managing Partner bei Rhein Asset Management S.A. und Verwaltungsrat bei investify. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und anschließender Promotion ist er seit 1994 als Anlageberater und Vermögensverwalter tätig und unterstützt seine Mandaten bei der individuellen Vermögensplanung.
In seinen monatlichen Kolumnen beleuchtet er aktuelle Themen, die Märkte und Anleger bewegen.

Bitte beachten Sie, dass die Kolumne die persönliche Meinung des Autoren, nicht aber unbedingt die Meinung von investify widerspiegelt.