Dr. Stötzels Kolumne #4: Zwölf Monate im Zeitraffer

Erstellt am: 3. Juli 2020 | Von: Dr. Martin Stötzel


Hand auf´s Herz. Hätten Sie gewusst, dass der DAX am 1. Juli 2019 exakt auf dem gleichen Stand notierte wie ein Jahr später, nämlich bei 12.300 Punkten. Diese Erkenntnis überrascht dann doch. Andererseits ist es das Resultat eines Crashs mit anschließender Marktrallye, die in einer vorher nie gesehenen Geschwindigkeit abgelaufen sind.

Die Analyse der letzten 12 Monate bringt noch weitere Überraschungen mit sich. Etwa die, dass die erfolgreichste Aktie im DAX ausgerechnet einer der oftmals als Langweiler betitelten Werte ist. Der Energieversorger RWE belegt mit einem Plus von knapp 42% den Spitzenplatz. Schaut man sich jedoch den Umbau des Konzerns von einem der größten Umweltverschmutzer hin zum größten europäischen Ökostrom-Produzenten an, erscheint der Kursanstieg vielleicht in einem anderen Licht. Bestätigt wird die Honorierung einer nachhaltigeren Energiegewinnung durch die ebenfalls starke Kursentwicklung des größten italienischen Energieproduzenten, der seit etwa zwei Jahren eine vergleichbare Unternehmensstrategie verfolgt. Die Aktie von ENEL stieg in den vergangenen 12 Monaten über 25%. Die Plätze zwei und drei im DAX belegen mit Infineon und der Deutschen Börse zwei Werte, die offensichtlich von der Corona Krise eher profitierten. Auf Platz fünf wird es dann wieder sehr interessant. Hier landete die Deutsche Bank mit einem Kursanstieg von fast 25%. Bei diesem Wert lohnt ebenfalls ein Blick auf die europäische Konkurrenz. Im gleichen Zeitraum verlor etwa die größte spanische Bank, die Banco Santander, 46%. Die französische Société Generale rutschte um 33% ab und die niederländische ING 39%. Auffällig ist vor allem, dass sämtliche Werte im Corona Crash sich in etwa halbierten, in der anschließenden Erholungsbewegung aber nur die Deutsche Bank wieder erheblich Boden gut machte, während die europäischen Konkurrenten weiter vor sich hin dümpelten. Nicht unwahrscheinlich, dass dies mit den besseren Konjunkturaussichten in Deutschland korreliert, wo das Kreditausfallrisiko durch massive Staatshilfen deutlich kleiner eingeschätzt wird.

Zur Corona-Krise passt dann wieder die Kursentwicklung der Autowerte. Daimler, BMW und VW liegen zwischen 11% und 26% im Minus und mit Airbus und MTU liegen zwei weitere Verlierer der Corona-Krise weit hinten. Im Laufe der Krise stellte sich recht schnell heraus, dass die Profiteure vor allem aus dem Bereich der Aktien kommen, die von der technologischen Entwicklung der Gesellschaft in allen Bereichen profitieren. Zahlreiche dieser Werte sind im Nasdaq 100 Index versammelt. Dort steht dann auch für die vergangenen zwölf Monate ein Plus von 29 % zu Buche. Und auch auf die Gefahr hin, dass nicht jedes Technologieunternehmen die immer höher gesteckten Erwartungen erfüllen kann, bergen die Unternehmen an der Nasdaq in weiten Teilen immer noch gutes Potential. Bisher konnten die Anleger allerdings stets darauf vertrauen, dass es die großen Fünf schon richten. Denn Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Alphabet verzeichneten trotz bereits hoher Bewertung starke Gewinne. Anleger sollten jedoch auch hier zukünftig mehr Diversifikation suchen, denn die Entwicklung scheint schon ziemlich ausgereizt zu sein.

In den kommenden Monaten könnten die Aktienmärkte noch einige Zeit von der massiven Unterstützung durch Politik und Notenbanken profitieren. Allerdings wird die Wirkung im Laufe der Zeit abnehmen. Ob die Konjunkturerholung tatsächlich so kräftig sein wird, wie die Märkte zurzeit erwarten, ist noch völlig unklar. Deswegen steht zu befürchten, dass spätestens im Spätsommer die US-Wahl ihre Schatten auf die Märkte werfen wird. Wenn bis dahin keine Entwarnung in Sachen Corona gegeben werden kann, etwa durch einen Impfstoff, könnte es an den Börsen noch einmal sehr ungemütlich werden.

Zum Autor

Dr. Martin Stötzel ist Gründer und Managing Partner bei Rhein Asset Management S.A. und Verwaltungsrat bei investify. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und anschließender Promotion ist er seit 1994 als Anlageberater und Vermögensverwalter tätig und unterstützt seine Mandaten bei der individuellen Vermögensplanung.
In seinen monatlichen Kolumnen beleuchtet er aktuelle Themen, die Märkte und Anleger bewegen.

Bitte beachten Sie, dass die Kolumne die persönliche Meinung des Autoren, nicht aber unbedingt die Meinung von investify widerspiegelt.