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Dr. Stötzels Kolumne #9: Rotation oder Strohfeuer

Erstellt am: 11. Dezember 2020 | Von: Dr. Martin Stötzel


Der Monat November war dann endlich auch mal ein Genuss für DAX-Liebhaber. Immerhin konnte das deutsche Aktienindex-Aushängeschild erbauliche 16 Prozent zulegen. Das klingt sehr erfreulich, ist allerdings nur etwas weniger als die Hälfte der Wahrheit. Zum einen schmälert die Freude, dass der DAX im Monat davor etwa 9,5 Prozent verlor. Auch gelang dem heimischen Börsenbarometer erst nach dem kräftigen Anstieg in den letzten Tagen der ersehnte Sprung ins positive Terrain. Und mit einer Wertentwicklung von nunmehr einem Prozent seit Jahresanfang hinken die deutschen Blue-Chips doch zum Teil deutlich hinter den heftig gefeierten US-Techwerten hinterher.

Aber es ist etwas in Bewegung geraten. Die fast zeitgleiche Veröffentlichung von sehr ermutigenden Daten über Wirkstoffe gegen die Corona-Pandemie und dem Wahlsieg von Jo Biden über Donald Trump haben an den Börsen zu heftigen Reaktionen geführt. Die langanhaltende Unsicherheit über ein mögliches Ende der Pandemie aufgrund der Erfolge bei Impfstoffen und über den nächsten US-Präsidenten wich in der ersten Novemberwoche einer fast schon euphorischen Erwartungshaltung.

Und das machte sich an den Märkten bemerkbar. Die bisherigen Favoriten aus dem Technologiebereich gerieten unter Druck, der Goldpreis rutschte deutlich ab und der US-Dollar tendierte schwächer. Und ganz plötzlich standen Aktientitel im Mittelpunkt des Interesses, die in den vergangenen Pandemiemonaten von den Investoren weltweit verschmäht wurden. Fluglinien, Ölwerte und Reiseveranstalter, Automobilhersteller und deren Zulieferer, Banken und Bauwerte. Die Rotation hatte die Aktienmärkte erfasst und der deutsche Aktienmarkt profitierte von diesem Favoritenwechsel ganz erheblich.

Doch wo es Käufer gibt, sind immer auch Verkäufer und den optimistischen Analysen über die neuen Anlegerlieblinge standen ebenso recht skeptische Kommentare gegenüber. Und das ist auch kaum verwunderlich. Denn noch ist lange nicht entschieden, ob diese Rotation sich zu einer substantiellen Bewegung ausweitet. Davon überzeugt zeigten sich in dieser Woche die Strategen der Bank of America und auch ihre Kollegen der Barclays Bank. Ihr Argument: Der Impfstoff gegen das Covid-19 Virus ist ein „Gamechanger“ für die Aktienmärkte.

Die Gewinne der zyklischen Branchen werden in absehbarer Zeit ihr Vorkrisenniveau erreichen, womit die schwer abgestürzten Titel aktuell über ein veritables Aufwärtspotential verfügen. Nun steht die Weltwirtschaft aktuell noch mit dem Rücken zur Wand, in diesen Tagen werden die Einschränkungen rund um den Globus eher verschärft als gelockert. Damit die Rotation von Dauer ist, darf auf dem Weg zur wirtschaftlichen Normalität kein Störfeuer aufflackern. Denn die Bewertung der zyklischen Werte hängt nun einmal ganz entscheidend vom globalen Wachstum ab und damit von der störungsfreien, weltweiten Wirtschaftsaktivität. Und da liegen in den kommenden Wochen und Monaten schon noch einige handfeste Risiken auf dem Weg zu höheren Notierungen.

Die Investoren dürften gut beraten sein, in ihrer Strategie, die sich neu eröffneten Chancen zu nutzen, ohne die langfristig außergewöhnlichen Perspektiven von Technologie- und anderen Wachstumstiteln aus den Augen zu verlieren. Denn langfristig werden letztere den Trend weisen und für strategische Investoren die erste Wahl sein.

Zum Autor

Dr. Martin Stötzel ist Gründer und Managing Partner bei Rhein Asset Management S.A. und Verwaltungsrat bei investify. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und anschließender Promotion ist er seit 1994 als Anlageberater und Vermögensverwalter tätig und unterstützt seine Mandaten bei der individuellen Vermögensplanung.
In seinen monatlichen Kolumnen beleuchtet er aktuelle Themen, die Märkte und Anleger bewegen.

Bitte beachten Sie, dass die Kolumne die persönliche Meinung des Autoren, nicht aber unbedingt die Meinung von investify widerspiegelt.

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