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Dr. Stötzels Kolumne #15: Von Peitschen, Toilettenpapier und der Inflation

Erstellt am: 17. Juni 2021 | Von: Dr. Martin Stötzel


Hamsterkäufe und hysterische Kämpfe um die letzten Stücke, exorbitante Preissteigerungen und Produzenten, die aufgrund der Nachfrageexplosion nicht mehr wissen, wo Ihnen der Kopf steht...so schildern die Medien die aktuelle Situation auf dem Markt für zahlreiche Rohstoffe, wie Holz, Kunststoff oder Massenprodukte wie Schrauben. Doch irgendwie kommt uns diese Schilderung bekannt vor...war da nicht mal etwas mit dem Run auf das Toilettenpapier...?

Genau! In den Anfangszeiten der Pandemie versuchte ein Teil der Bevölkerung die Kontrolle über die aus den Angeln gehobene Welt via Massenkäufe in einem bis dahin eher unscheinbaren, aber essentiellen Konsumgut zurückzugewinnen. Und so kam es zu leeren Regalen, Verkaufsbeschränkungen und medialen Aufrufen zur Vernunft.

Der „Bullwhip“ – Effekt (deutsch: Peitscheneffekt) hatte zugeschlagen. Dieser in der Wirtschaftswissenschaft bekannte Begriff beschreibt einen sich aufschaukelnden Effekt innerhalb der Lieferkette zwischen Endkunden und Produzenten. Am Ende eines exogenen Schocks auf der Nachfrageseite erhält der Produzent falsche Signale über die Bestellungen, es kommt zu Lieferengpässen, die wiederum die Nachfrage anheizen, wodurch eine sich selbst verstärkende Spirale in Gang gesetzt wird.

Ende der 90-er Jahre kam es am Aktienmarkt zu einer ganz ähnlichen Entwicklung. Im Zuge der Börsenhausse versprachen Börsengänge extrem hohe Zeichnungsgewinne. Deswegen orderten Investoren einfach das Mehrfache des gewünschten Volumens, da sie davon ausgehen mussten, dass die Nachfrage das Angebot um ein Vielfaches übersteigen würde, so dass sie nur einen Bruchteil der georderten Menge erhalten würden. Diese Situation führte dazu, dass die ersten Kurse von Neuemissionen dramatisch über dem Platzierungspreis lagen, was wiederum die Nachfrage nach Aktien des folgenden Börsengangs in die Höhe trieb. Diese „Engpasspoker“-Spirale hatte eine bemerkenswerte Lebensdauer und endete erst nachdem zahlreiche Börsengänge erfolgreich über die Bühne gegangen waren. Dann jedoch hatten sich die Emissionspreise so weit von den fundamental gerechtfertigten Preisen entfernt, dass die Nachfrage plötzlich ausblieb.

Und aktuell? Suchen Schreiner und Bauleiter suchen händeringend Dachlatten und andere Holzprodukte, die Preise für Rohstoffe wie Eisenerz und Kupfer explodieren, für Stahl, Holz, Kunststoffe und selbst so profane Dinge wie Schrauben sind plötzlich ausverkauft.

Hinter vorgehaltener Hand gestehen Käufer auch jetzt, dass sie schon mal „auf Vorrat“ eingekauft haben, denn niemand weiß, ob und wann die begehrten Produkte wieder ohne Probleme verfügbar sind. Denn der Hunger nach Baumaterialien schaukelte sich in den vergangenen Monaten auf globaler Ebene hoch. Der in den USA schon traditionelle „Do-It-Yourself“-Trend gewann durch die Corona Pandemie an Dynamik und schwappte auch nach Europa über. Und dass China im Verlauf der Pandemie offensichtlich strategische Reserven in den wichtigsten Rohstoffen anlegt, verschärfte die Situation zusätzlich.

Bleibt die spannende Frage, ob wir uns sozusagen in einem weltwirtschaftlichen Toilettenpapier – Effekt befinden und wie es von nun an weitergehen könnte? Ohne die Komplexität der Situation zu unterschätzen, spendet die Vergangenheit Hoffnung. Statistisch gesehen war der Run auf das Toilettenpapier zwar ein extrem medienwirksames aber nur sehr kurzfristiges Phänomen. Der Absatz von Toilettenpapier verdreifachte sich Ende Februar 2020 innerhalb von vier Wochen, fiel dann aber innerhalb der nächsten vier Wochen auf die Hälfte des Anfangswertes zurück. Daraufhin musste der Einzelhandel die zu viel georderten Mengen mit Sonderaktionen zu Ramschpreisen verschleudern, um den teuren Verkaufsraum wieder frei zu bekommen.

Dazu passt die Schlagzeile vom Montag dieser Woche: Der Preis von Bauholz in den USA ist in den vergangenen vier Wochen um gut 40% gefallen nachdem er sich zwischen Jahresbeginn und Mai verdoppelt hatte. Die stark gestiegenen Preise hatten sich jüngst negativ auf die Aktivitäten im Bausektor der USA ausgewirkt. Zudem waren wohl spekulative Käufe zurück gegangen. Auch der Preis von Kupfer – einem der stärksten Konjunkturindikatoren – kam deutlich unter Druck. Es wäre also durchaus möglich, dass die Nachfrage nach Holz – ähnlich wie im vergangenen Jahr die Nachfrage nach Toilettenpapier sich über einen Bullwhip-Effekt aufgeschaukelt hätte und nun die Gegenbewegung einsetzt.

Spannend wird nun sein, ob diese Effekte auch auf anderen Märkten zu beobachten sind. Interessanterweise signalisiert der Bondmarkt in den USA mit fallenden Renditen eine Entspannung an der Preisfront. Die US-Notenbank wird diese Entwicklung bei den gerade anstehenden Zusammenkünften ganz fest im Blick haben.

Zum Autor

Dr. Martin Stötzel ist Gründer und Managing Partner bei Rhein Asset Management S.A. und Verwaltungsrat bei investify. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und anschließender Promotion ist er seit 1994 als Anlageberater und Vermögensverwalter tätig und unterstützt seine Mandaten bei der individuellen Vermögensplanung.
In seinen monatlichen Kolumnen beleuchtet er aktuelle Themen, die Märkte und Anleger bewegen.

Bitte beachten Sie, dass die Kolumne die persönliche Meinung des Autoren, nicht aber unbedingt die Meinung von investify widerspiegelt.

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