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Dr. Stötzels Kolumne #16: Warum mehr nicht immer auch besser ist!

Erstellt am: 8. Juli 2021 | Von: Dr. Martin Stötzel


Die Analyse der Kapitalmärkte weist ein unendliches Spektrum an Möglichkeiten auf. Fundamentale Aspekte oder quantitative Analysen. Empirische Analysen oder theoretische Herleitungen, sogar die Astronomie wird zuweilen bemüht, um die Zusammenhänge an den Märkten sichtbarer und vor allem vorhersehbarer zu machen.

Ein vielbeachteter Indikator für das Geschehen am Aktienmarkt sind die Zu- und Abflüsse in Aktienfonds. Ganz klar: Wo mehr reinfließt als rausfließt, sollte am Ende der Betrachtungsperiode auch mehr drin sein. Und solange der Trend nicht dreht, dürfte das Ergebnis vorhersehbar sein.

Deswegen schauen Investoren und Analysten immer genau hin, wenn in den USA Zahlen zu den Zu- und Abflüssen der Aktienfonds veröffentlicht werden. In der vergangenen Woche wurde nun eine absolute Zahl veröffentlicht, die niemals zuvor auch nur annähernd erreicht wurde. Der Zufluss in globale Aktienfonds in den USA hat im ersten Halbjahr 2021 mit 580 Milliarden US-Dollar den höchsten Wert aller Zeiten erreicht. Doch damit nicht genug. Die Analysten der Bank of America haben ausgerechnet, dass, wenn dieses Tempo auch im 2.Halbjahr beibehalten wird, die Zuflüsse höher sein werden als das Volumen in den gesamten 20 Jahren zuvor.

Eigentlich eine gute Vorlage für Anleger. Die Sache hat nur einen Haken: Der Zusammenhang zwischen Zuflüssen in Aktienfonds und der Performance der Aktienmärkte ist empirisch nicht vorhanden. Zwei aktuelle Studien, die sich mit dem Phänomen beschäftigen kommen sogar zu einem völlig anderen Ergebnis. In den vergangenen zehn Jahren gab es erheblich mehr Jahre, in denen eine positive Aktienmarktentwicklung mit Abflüssen aus den Aktienfonds einhergingen, als umgekehrt. Seit 2010 haben sich die Indizes auf den breiten US-Aktienmarkt nahezu verdoppelt. Gleichzeitig war der Saldo aus Zu- und Abflüssen in US-Aktienfonds in acht von zehn Jahren negativ und sind netto rund 740 Mrd. US-Dollar abgeflossen. Die Analysten von Morningstar weisen darauf hin, dass ein Teil der Investoren in positiven Aktienperioden systematisch die gestiegene Gewichtung von Aktien über Verkäufe zurückführen, was eine Erklärung für diesen Effekt sein könnte.

Eine weitere Studie stellte Ende letzten Jahres fest, dass die von den Investoren mit Zuflüssen bedachten Fonds diejenigen mit negativem Saldo erheblich underperformten. Deutliche Nachteile müssen Investoren auch in Kauf nehmen, wenn sie in ETF investieren, die besonders beliebte Strategien umsetzten. Hier kamen die Untersuchungen zu dem Ergebnis, das diese Fonds systematisch rund 5 Jahre und bis zu 5 % pro Jahr hinter der vergleichbaren Konkurrenz lagen.

Spricht aus den hohen Zuflüssen dann ein entsprechend hoher Optimismus der Investoren, der eher antizyklisch zu bewerten ist? Zwei konkrete Beispiele könnten als Indizien gelten: Ende Juni 2018 zogen Anleger eine Rekordsumme aus den weltweiten Aktienfonds ab. In den drei folgenden Monaten setzen die Märkte zu einer dynamischen Rallye an, die etwa im Dow Jones 30 Index zu Kursgewinnen von rund 15 % führten. Und auch der deutsche Aktienmarkt bietet ein Paradebeispiel. Auf dem alten Kontinent berichtet der „Morningstar European Asset Flows Commentary“ von hohen Zuflüssen in Aktienfonds in den vergangenen Monaten. Zwar reichen diese noch nicht an die letzten Höchststände heran, aber der Verweis auf den letzten Rekordmonat lässt dann aber aufhorchen. Es war der Januar 2018. Damals stand der DAX bei 13.300 Punkten, am Jahresende waren es nur noch 10.500 Zähler.

Sollte es sich am Ende erneut um eine Bestätigung der These handeln, dass die privaten Investoren sehr prozyklisch handeln und erst zum Ende eines Trends auf den fahrenden Zug aufspringen? Noch steht eine Bestätigung dieser Annahme aus, doch die außergewöhnliche Abweichung der Zuflüsse in den letzten Monaten vom langfristigen Mittel ist durchaus ein Grund mit Vorsicht auf die nächsten Wochen zu schauen. 

Zum Autor

Dr. Martin Stötzel ist Gründer und Managing Partner bei Rhein Asset Management S.A. und Verwaltungsrat bei investify. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und anschließender Promotion ist er seit 1994 als Anlageberater und Vermögensverwalter tätig und unterstützt seine Mandaten bei der individuellen Vermögensplanung.
In seinen monatlichen Kolumnen beleuchtet er aktuelle Themen, die Märkte und Anleger bewegen.

Bitte beachten Sie, dass die Kolumne die persönliche Meinung des Autoren, nicht aber unbedingt die Meinung von investify widerspiegelt.

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